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NEWSLETTER 6/2019 (27.8.2019) - Buch - Neuerscheinung „KINDERN HELFEN MIT NEUEN HAUSMITTELN“ pdf / word

NEWSLETTER 5/2019 (20.5.2019) - Schädigt die moderne Arbeitswelt unsere Psyche?“  pdf / word 

NEWSLETTER 4/2019 (29.4.2019) - "Tiergestützt erfolgreich gegen Autismus!" pdf ..... word

NEWSLETTER 3/2019 (26.4.2019) - "8 Jahre Therapieinstitut"       pdf   -     word


NEWSLETTER 2/2019 (25.3.2019)


Kongressbericht: Kinder/Jugend-Suizid


Wenn Kinder den Freitod wählen


Eisenstadt. Ende März luden SUPRA (Suizidprävention Austria) gemeinsam mit dem PSD-Burgenland und weiteren Organisationen unter der Schirmherrschaft von Landeshauptmann Mag. Hans-Peter Doskozil zu einem Update in Sachen Suizid & Prävention bei Kindern und Jugendlichen. Das Wissen um die Rahmenbedingungen, Risikofaktoren und damit die Präventionsmöglichkeiten bei Kindern und Jugendlichen verdichtet sich. Die Eckpunkte reichen von möglichst früher Intervention und aktivem Gespräch bis hin zu verantwortungsvollem Umgang mit dem Thema in den Medien. Gegen den internationalen Trend halten Österreichs Jugendliche Selbstmord immer seltener für einen Ausweg.


Zunächst wies Dr. Sylvia Kaschnitz, PSD-Burgenland in ihrem Einleitungsreferat auf die dringend erforderliche Unterscheidung zwischen suizidaler Intention und NSSV (nicht suizidaler selbstverletzendes Verhalten) hin. Das sind unterschiedliche Situationen. NSSV kennen wir als Ritzen, Schneiden, Hochrisikoverhalten und neuerdings als schmerzhaftes Kneifen der Haut. Es entspricht einem dysfunktionalen Verhalten um Umgang mit Spannungen und psychischen Belastungen. NSSV ist somit KEIN Selbstmordwarnsignal!


Im Unterschied dazu enthalten suizidale Äußerungen regelmäßig die Botschaft „So kann es nicht weitergehen!“. Entscheidend sind rechtzeitiges Erkennen und frühzeitiges Handeln. Ein Moment, das auch LH Doskozil in seiner Eröffnungsrede unterstrich. Das Burgendland wird in diese Richtung eine breit angesetzte Initiative inklusive der Gründung eines Freiwílligennetzwerkes starten. „Wir müssen die Kinder so früh wie möglich erreichen!“, so Doskozil.



Harte Fakten

Ein Feuerwerk an Daten lieferte Univ. Prof. Dr. Kanita Dervic vom „Psychosozialen Versorgungs- und Beratungszentrum für Kinder und Jugendliche“ (PVBZ) in Salzburg. Weltweit ist die Zahl der Suizidversuche in diesen Altersgruppen steigend. 21 von 30 untersuchten europäischen Ländern folgen diesem Trend. Mit 7:1 sind Suizidversuche bei Mädchen häufiger, allerdings mit 3:1 bei Knaben erfolgreicher. Jenseits des 14. Lebensjahres steigt dieZahl der Suizide an.

In Österreich begehen pro Jahr 44 Kinder und Jugendliche Selbstmord (Quelle: ÖSTAT 2014). Generell ist die Suizidrate und Minderjährigen rückläufig und von 6,2/100.000 in 2014 auf 4,5/100.000 in 2016 gefallen. Mit 2,0/100.000 sind Mädchen deutlich weniger getroffen als Knaben mit 6,9/100.000.


Zwischen 2001 und 2014 begingen in Österreich insgesamt 608 Kinder und Jugendliche Selbstmord bei einer Verteilung von 3,5 : 1 zulasten der Knaben. Über 14 wird Suizid 11x häufiger als im Kindesalter. Mit 37,7% ist Erhängen die häufigste Suizidmethode, gefolgt von Sprung vor den Zug (22,5%), Sturz aus großer Höhe (15,9%) und Erschießen (10,7%). Eine Ausnahme bildet hierbei Vorarlberg, wo der Sprung aus großer Höhe die häufigste Suizidmethode darstellt. Dabei lassen sich signifikante Unterschiede zwischen den Bundesländern feststellen. Überdurchschnittlich sind Salzburg (5,9/100.000) und Kärnten (5,7/100.000) im Gegensatz zum Burgendland (2,1/100.000) und Wien (2,9/100.000).

Todeskonzept nennt man das Ineinandergreifen verschiedener Faktoren, mit denen sich eine transkulturelle Studie 2015 beschäftigt hatte. Dazu gehören Unvermeidlichkeit, Universalität, Irreversibilität, Kausalität und Beendigung. Bereits im Alter zwischen 4 und 7 Jahren wird der Tod offenbar als biologisches Ereignis begriffen. Dabei wird die Irreversibilität als eine der ersten Subkomponenten verstanden. Die Kausalität steht am Ende dieser Verständniskette.



Risikoprofile

Wichtig ist die Kenntnis der Risikofaktoren für suizidale Entwicklungen. In über 90% der Fälle steht eine psychische Störung im Hintergrund. ImWesentlichen gibt es drei Risikofelder: psychiatrisch, psychosozial und umfeldbezogen.


Aus psychiatrischer Sicht hat die Depression eine dominierende Bedeutung, gefolgt von Substanzabusus, Persönlichkeitsstörungen mit Aggressivität und Impulsivität sowie Suizidversuche in der eigenen oder Familienanamnese.


Interessant, dass der psychosoziale Faktor Schule gleichbedeutend mit der Psychopathologie aufscheint. Natürlich spielt die Familie eine bedeutsame Rolle, vor allem Missbrauch und psychisch kranke Eltern. Nicht zuletzt sind 1/4 der Betroffenen jugendamtsbekannt. Umfeldbezogene Faktoren sind die Exposition zum Suizid sowie die Einstallung dazu.

Eine Studie an Wiener Jugendlichen mit suizidalem Verhalten ergab folgende Prävalenz bezüglich der Risikofaktoren. Mit 45,2% führt hier die so genannte Exposition – darunter versteht man die direkte Erfahrung mit suizidalen Gleichaltrigen, gefolgt von 37,9% Selbstmordgedanken im Lebenszeitraum. Bei 14,5% konnte eine Depression diagnostiziert werden sowie bei 8,6% Substanzabusus (Drogen inkl. Alkohol). 1,9% hatten bereits einmal einen Suizidversuch hinter sich.


Prävention

Psychoedukation steht im Vordergrund der Präventivmaßnahmen. Vor allem in der breiten Öffentlichkeit zur Schaffung eines erhöhten Bewusstseins und Wissens über Auslöser und Kontext der Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen. Dazu gehört auch das Bekanntmachen der verschiedenen Hilfestellen wie etwa Telefonnotrufe. Nicht zuletzt sollte eine Änderung der inadäquaten Einstellung zum Suizid erreicht werden.

Eine besondere Rolle kommt den Medien zu, was die Berichterstattung betrifft. Deutlich ungünstig wirken sich detaillierte Schilderungen und verallgemeinernde Simplifizierungen aus. Man unterscheidet prinzipiell zwei mediale Effekte. Zum einen den sogenannten „Werther-Effekt“ - damit wird in Medienwirkungsforschung, Sozialpsychologie und Soziologie die Annahme bezeichnet, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Suiziden, über die in den Medien ausführlich berichtet wurde, und einer Erhöhung der Suizidrate in der Bevölkerung besteht. Man könnte also vereinfacht von einer Art „Nachahmungs-Suizid“ sprechen.

Dem gegenüber steht der suizidpräventive „Papageno-Effekt“. Die Bezeichnung bezieht sich auf Mozarts Zauberflöte. Papageno kann seine anfänglichen Suizidgedanken mit Hilfe von Anderen überwinden. Zusammenfassend meint das eine aufklärende Berichterstattung. Im Fokus stehen konstruktives Krisenmanagement, Erklärung von Problematik und Lösungsansätzen sowie die Information über professionelle Hilfsangebote. Vermieden werden solljede Art der Heroisierung, Romantisierung oder sensationsgeile Beschreibungen von Tat und Hergang.

Ärztliche Subgruppen wie Pädiater und praktische Ärzte sollten ausreichende Weiterbildung in Bezug auf Früherkennung der Suizidalität im Sinne von Warnzeichen und Risikofaktoren sowie bezüglich der Depression betreiben.


Der klinische Alltag stellt ebenfalls eine große Herausforderung dar ein Zeiten vo9n Personal- und Zeitmangel dar, denn die erste Forderung hier ist laut Dervic „genügend Zeit“ neben einem angemessenem Rahmen. Neben dem direkten Gespräch mit den Kindern und Jugendlichen ist die Miteinbeziehung von externen glaubwürdigen Informanten bedeutsam, die etwa Auskunft über Verhaltensauffälligkeiten geben können.

Nicht selten besteht eine gewisse Inkonsistenz zwischen den Berichten der betroffenen Kinder und deren Elten bzw. Erziehungsberechtigten, da diese angeben, nichts „gemerkt“ zu haben. Mitbeteiligt sind hier Schuldgefühle von Erwachsenen, die Angst vor Stigmatisierung sowie gegebenenfalls psychische Störungen der Eltern, die deren Wahrnehmungsvermögen negativ beeinflussen.

Das Vorgehen

Lange Zeit kontroversiell wurde die Frage beurteilt, ob man das Thema denn überhaupt „ansprechen dürfte“, weil damit doch möglicherweise eine Förderung der Suizidalität verbunden sein könnte. Diese Bedenken gehören in die Schublade der Geschichte. Es steht heute außer Zweifel, dass ein offenes Gespräch suizidale Isolation und Einengung aufbricht.


Diese Fragen stellen sich Profis bei Suizidverdacht:

  • Liegen Suizidgedanken vor oder hat es die gegeben?

  • Gibt es einen allfälligen Plan und wurden Vorbereitungen getroffen?

  • Gab es bereits Suizidversuche in der Vergangenheit?

  • Kam es zu akustischen Halluzinationen mit Suizid befehlen?

  • Gab es Suizide im sozialen Umfeld?

Die wesentlichen Elemente des therapeutischen Vorgehens beinhalten zunächst altersspezifische Aspekte in Bezug auf kognitive Unreife und Impulsivität, Krisenintervention, Psychopharmaka, Psychotherapie (bei Kindern unter 12 vor allem non-verbale Maßnahmen wie *MTG-Therapie) sowie die psychosoziale Intervention in Familie und Schule. Im Fokus der Behandlung stehen die Beseitigung des hoffnungslosen Isolationsgefühls, die Förderung des Aspekte, die dem Leben Zukunftsperspektiven verschaffen, die Identifizierung protektiver bzw. suizidreduzierender Faktoren. Es handelt sich um ein sehr komplexes, multimodales Konzept, das idealerweise von einer spezialisierten institution umgesetzt bzw. gemanagt werden sollte.

Abschließend ein historischer Aspekt. Die „wissenschaftliche Sorge“ um die Suizidalität von Kindern und Jugendlichen ist „alt und österreichisch“, denn die weltweit erste dokumentierte Konferenz über „Suizide bei Schülern“ fand 1910 in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung statt, die im selben Jahr in Wien offiziell gegründet wurde und auch heute noch besteht.

+++Ende+++

*MTG-Therapie steht für „Medizinorientierte tiergestützte Therapie“ und ist ein in Österreich entwickeltes Behandlungsverfahren zur Bewältigung psychischer Überlastungszustände bei Kindern und Erwachsenen, das am „Österreichischen Institut für tiergestützte Gesundheitsförderung und Forschung“ angeboten wird.


Kontakt: Ass. Prof. Dr. Brigitte Hackenberg, brigittehackenberg1@gmail.com